NRZ, 01.04.2007

Glanzvoller Abschied aus dem Provisorium

01.04.2007 / LOKALAUSGABE / DUISBURG
VORSTELLUNG. Mit dem 8. Philharmonischen Konzert hat das Orchester das Theater am Marientor verlassen.

"Wir verabschieden uns mit russischen Glocken vom Theater am Marientor und starten mit chinesischen Glocken in eine neue Ära". Mit diesen Worten erklärte Philharmoniker-Intendant Alfred Wendel nach dem 8. Philharmonischen Konzert die fünfjährige Interimszeit im TAM für beendet, bevor die Philharmoniker im April die Mercatorhalle im City Palais als ihre neue Heimat beziehen werden. Zusammen mit GMD Jonathan Darlington und dem gesamten Orchester bedankte sich Wendel beim Publikum für die Treue in der nicht ganz einfachen und vor allem langen Übergangszeit.

Das Orchester schloss sich dem Dank an und versammelte sich in voller Stärke zu Rachmaninows Chorsinfonie "Die Glocken". Ein hierzulande kaum zu hörendes Meisterwerk des immer noch sehr einseitig rezipierten Komponisten, das er selbst für seine beste Arbeit hielt. In vier Sätzen bietet Rachmaninow stilistisch vielfältige und kompositorisch kühne Stimmungsbilder zu Schlittenglöckchen, Hochzeits-, Feuer- und Trauerglocken: Glocken als Begleiter des Menschen von der Wiege bis zur Bahre.

Schlankes Klangideal

Hier findet Rachmaninow Töne auf der Höhe der "Toteninsel". Trotz der riesigen Besetzung für drei Solisten, großen Chor und noch größeres Orchester ist das Werk filigran gearbeitet, was Darlingtons schlankem, transparentem Klangideal entgegen kommt. Was er mit seinen Philharmonikern unter den beschränkten Bedingungen im TAM an klanglichen Feinheiten, an Präzision und Tonschönheit herausholt, das allein beeindruckt schon. Wie wird dieses Orchester wohl im neuen Konzertsaal leuchten?

Der von Marcus Strümpe einstudierte Philharmonische Chor hatte es nicht leicht mit den russischen Texten, fand auch aufgrund der zu dünnen Tenorfraktion nicht immer zu einem ausgewogenen Klangbild, bewältigte aber selbst in den heiklen "Feuerglocken" seine Aufgaben mehr als achtbar. Vortrefflich das idiomatisch besetzte Solistentrio. Die Sopranistin Svetlana Doneva gestaltete den Hochzeits-Satz mit betörender Leuchtkraft und berückend lyrischer Wärme. Der helle, biegsame Tenor von Andrej Dunaev passte ideal zum kindlich bewegten Kopfsatz, und Pavel Daniluk brachte für die "Totenglocken" alles an Substanz, Volumen und Charisma mit, was von einem "echten" russischen Bassisten erwartet werden kann.

Auftakt mit Glocken aus Wuhan

Daniluk konnte bereits zum Auftakt des Programms mit einer ungemein differenzierten und innerlich aufwühlenden Interpretation der dunklen "Lieder und Tänze des Todes" von Modest Mussorgsky punkten. Darlington wählte die herbe, kongeniale Instrumentation von Dmitri Schostakowitsch, die die Philharmoniker mit substanzreichem Ton adäquat ausführten.

Zwischen die russischen Blöcke hatte das Orchester seinen ganz großen Auftritt mit Béla Bartóks Konzertsuite ?"Der wunderbare Mandarin". Ein Werk, das einem Orchester spieltechnisch und klanglich nahezu alles abverlangt. Die radikale, fast bruitistische Tonsprache milderte Darlington, entwickelte aber umso mehr Spannung aus der Bewegung und inneren Dynamik. Eine brillante Orchesterleistung, mit der sich die Philharmoniker vollends ihr neues Domizil verdient haben. Beim ersten Auftritt im April lässt Tan Dun das Geläut eines tonnenschweren, 2000 Jahre alten Glockenspiels aus China ertönen.


01.04.2007    PEDRO OBIERA