Ausgabe

 

DUISBURG

Datum

 

01.12.2000

Ressort

 

LOKALAUSGABE

Überschrift

 

Dieser "Elias" kam aus einer  anderen Welt

Text

 

Die letzte städtische Aufführung des Werks in Duisburg liegt 30 Jahre zurück. Niemand ahnte

damals, dass Felix Mendelssohn Bartholdys populäres Oratorium "Elias" zum Schwanengesang

des langjährigen Generalmusikdirektors Georg Ludwig Jochum werden sollte, der im gleichen

Jahr verstarb. Den breit strömenden Fluss seiner warmen, leicht pathetischen Interpretation noch

im Ohr, wirkt Bruno Weils Mendelssohn-Auffassung wie die Botschaft aus einer anderen, einer

neuen Welt, die plastisch und wie immer auf denkbar hohem Niveau dokumentiert, was sich in den

letzten 30 Jahren in unseren Konzertsälen geändert hat. Der nazarenerhaft frömmelnde Ansatz

Jochums ist einer dramatisch aufgeheizten Werksicht gewichen, die das Konzertpodium in eine

imaginäre Opernbühne verwandelt. Forsch, mitunter kantig und schroff durcheilt Weil das

blutrünstige Missionswerk des alttestamentarischen Propheten. Die Diskrepanz zwischen der

ehernen Brutalität des Eiferers und der immer wieder beschworenen Güte Gottes stellt Weil betont

und pointiert heraus. Statt gemütlicher Erbaulichkeit dokumentiert das Werk die von

Widersprüchen und Zweifeln geprägte Haltung eines konvertierten jüdischen Komponisten zum

Christentum, das ihm letztlich immer fremd geblieben ist, auch wenn die christliche geistliche

Musik ihm so viel zu verdanken hat. Und so brodeln nicht nur die explosiv aufgeheizten

Naturereignisse mit umwerfender Wucht auf.

 

Dem ausführlich zu Wort kommenden Volk gibt der von Guido Knüsel gewohnt sicher einstudierte

Städtische Konzertchor eine voluminöse Stimme, die nichts an dramatischer Schlagkraft,

emotionaler Beteiligung und hörenswerter Gesangskultur vermissen lässt. Heikle polyphone

Passagen bringen den Chor ebenso wenig in Verlegenheit wie schlichtere, choralartige Partien.

 

Es ist kein Nachteil, wenn der kurzfristig eingesprungene Bariton Klaus Häger als Elias der

drastischen Werksicht Weils durch eine betont kultivierte, bisweilen leicht unterkühlte Darstellung

entgegensteuert, wodurch sich die Problematik des Oratoriums auf erfreulichem Niveau noch

verdichtet. Auf gleich hohem Level singen Barbara Hölzl (Mezzosopran) und Jörg Hering (Tenor),

mit denen Weil oft und besonders gern zusammenarbeitet. Ätherisch zarte Sopran-Töne steuert

Nancy Allen Lundy bei, und nicht vergessen werden sollte David Vogelsänger mit seinem

glockenklaren Knaben-Sopran. Eine Aufführung, die die Widersprüche eines scheinbar

unproblematischen Werks in das rechte Licht rückt.

 

Pedro Obiera