Ausgabe

 MANTEL

Ressort 

KULTUR

Datum 

26-04-99

Überschrift 

IBA-FINALE

Text 

 

IBA-FINALE

 

Musik als Kraftzentrale

 

IBA-Finale: Missa solemnis mit Lothar Zagrosek

 

 

 

 Von PEDRO OBIERA

 Duisburg (NRZ). Wenn das spektakuläre Finale der IBA '99 mit einem so

sperrigen Werk wie Beethovens Missa solemnis musikalisch eingeläutet

wird, darf man den Machern der Internationalen Bauaustellung Emscher-

Park glauben, daß sie das Ruhrgebiet als Kulturraum ernt nehmen. Die

Gefahr, dabei eine Etage zu hoch greifen und die stillgelegten

Industrieanlagen zu Kathedralen der Arbeit zu verklären, bannt Beethoven

mit seiner introvertierten, unpathetischen Tonsprache ebenso wie Lothar

Zagrosek mit seiner zügigen, kühlen Werksicht, die, mit Recht, sakrale

Weihrauchschwaden im Keim erstickt.

 

 Mögen auch die mit Neonröhren bekränzten Schornsteine in Duisburgs

Landschaftspark Nord den einen oder anderen an Heiligenscheine aus dem

Devotionalienladen erinnern: In der monumentalen, schmucklosen

Kraftzentrale des Parks gab Seriosität den Ton an. Das begründet

säkularisierte Verständnis Zagroseks von Beethovens später Missa

unterstrich der Chefdirigent der Stuttgarter Staatsoper durch die

Einflechtung zweier zeitgenössischer Werke, die sich in ihrer stillen,

unaufdringlichen Intensität erstaunlich nahtlos in Beethovens subjektive

Auseinandersetzung mit Gott und Religion einpassten. Zagrosek wählte mit

György Ligetis Lontano und Luigi Nonos A Carlo Scarpa zwei Klassiker der

Neuen Musik, die er zusammen mit der fabelhaften Jungen Deutschen

Philharmonie mit suggestiver Klangsensibilität zu Gehör brachte.

 

 Musik, zu der die Kraftzentrale nicht nur atmosphärisch paßt, sondern auch

akustisch. Ligetis zarte, tausendfach schillernde Klangverästelungen

entfalteten sich in der riesigen Halle ebenso wirkungsvoll wie die strengen,

asketischen Klangimpulse Nonos. Daß der Raum nicht allen Teilen der

Beethoven-Messe ideale akustische Bedingungen bietet, überrascht nicht.

Diffizile kontrapunktische Strukturen verschwimmen auch bei mäßigen

Tempi, die Solisten wirken mitunter verloren, und die schroffen rhythmischen

und harmonischen Querstände des Werkes verlieren an Prägnanz.

 

 Gleichwohl gelangen Zagrosek, seinem tüchtigen Orchester und den drei

beteiligten Chören aus Duisburg und Kettwig (neben dem Städtischen

Konzertchor Duisburg wirkten der Kammerchor und das Bach-Ensemble

aus Kettwig mit) eine eindringliche, handwerklich vorbildlich ausgearbeitete

Aufführung. Erstaunlich, mit welcher Sicherheit die Chöre auch die

heikelsten Tempowechsel und die widerborstigsten Fugati bewältigten.

 

 Klangliche Ausgewogenheit wollte sich dagegen bei den Solo-Stellen nicht immer einstellen, was dem nicht ganz gleichwertig besetzten Ensemble mit Eva Linds leuchtkräftigem Sopran an der Spitze freilich am wenigsten

anzulasten ist.