Ausgabe
 DUISBURG

Datum

09.11.2001

Ressort

LOKALAUSGABE

Überschrift

Gelungene Gratwanderung

Text

Paulus-Oratorium von Mendelssohn in der vollbesetzten Mercator-Halle
begeisterte durch dramatisches Feuer. Die Ära Bruno Weils als
Generalmusikdirektor neigt sich dem Ende zu. Nach acht Jahren harter,
erfolgreicher Arbeit darf man sich mit gutem Gewissen selbst einem
stilistisch so problematischen Werk wie Felix Mendelssohn Bartholdys
Oratorium "Paulus" zuwenden, das jetzt im Rahmen des 4. Philharmonischen
Konzerts in der wie immer voll besetzten Mercator-Halle zu hören war.
 
Im Unterschied zu Mendelssohns populärerem Schwesterwerk "Elias" tendiert
der "Paulus" zu einer salbungsvollen Frömmigkeit, die viel Fingerspitzenge-
fühl erfordert, um den Grat zwischen Beschaulichkeit und dramatischer
Vitalität zu finden. Das Orchester, aber auch der vor seinem 150. Geburtstag
stehende Städtische Konzertchor haben von der Arbeit mit Bruno Weil so viel
profitiert, dass man sich der Nagelprobe mit erstaunlicher Gelassenheit
stellen konnte. Weil versucht erst gar nicht, die frömmelnde Folie
abzureißen und stellt etwa die kontemplativen Choräle durch besonders ruhige
Tempi so deutlich heraus, dass sie sich trotz ihrer bewegten Ergriffenheit
vom Handlungsablauf plastisch abheben. Auch da verzichtet Weil auf
aufgesetzte dramatische oder stilistische Extravaganzen und überzeugt vor
allem durch eine natürlich-lebendige Phrasierung der einzelnen Nummern.
Dabei kann er sich nicht nur auf ein glänzend disponiertes Orchester
stützen, sondern auch auf einen von Guido Knüsel sorgfältig einstudierten
Chor, der erfreulich sicher und flexibel auf Weils Vorstellungen reagiert.
 
Wie in den meisten Chorkonzerten des scheidenden GMDs bewies man auch
diesmal ein glückliches Händchen bei der Auswahl der Solisten. Hier bestach
vor allem der rund und voluminös singende Bassist Georg Zeppenfeld in der
Titelpartie. Doch auch der niederländische Tenor Patrick Henckens mit
hörenswerter Legato-Kultur und die stimmlich etwas bodenständigere
Sopranistin Natalya Kovalova aus der Ukraine trugen nicht unwesentlich zum
Erfolg des Chorkonzerts bei.
  PEDRO OBIERA