Ausgabe 

 MANTEL

Datum 

26.04.1999

Ressort 

KULTUR

Überschrift 

Im Sog der Klangräume

Text 

 

 

Im Sog der Klangräume

 

IBA-Finale: Missa solemnis im Landschaftspark

 

 

 Wenn die Industrie geht, frisst nicht mehr die Stadt die Natur; im Gegenteil, die Natur erobert

sich die Stadt zurück. Was IBA-Chef Karl Ganser auf den Punkt brachte, hat auch einen Nebeneffekt:

Die Musik erobert sich die Industriehallen. Zum IBA-Finale war es die Missa solemnis im

Duisburger Landschaftspark Nord.

 

 Der Undercover-Version Mitte letzter Woche in Anwesenheit von Bundeskanzler Gerhard Schröder

folgten in der Kraftzentrale am Wochenende zwei öffentliche Aufführungen. Zahlreiche Besucher

wollten wissen, was passiert, wenn man Beethovens verfremdetes Hauptwerk, wie Adorno die Missa

nannte, nochmals gleich zweifach verfremdet: durch das räumliche wie durch das programmatische

Ambiente.

 

 Lothar Zagrosek, der das Bundesjugendorchester und drei Chöre der Region leitete, ist natürlich

clever genug zu wissen, wie schnell der Event das Experiment frißt: wie wenig sensationell

inzwischen die alleinige Tatsache einer Musik im Industrieraum ist.

 

 Aber da Zagrosek noch weiter ging, Beethovens Spätwerk mit Ligeti- und Nono-Klängen

konfrontierte, ergab sich doch noch das etwas andere Hör-Erlebnis, veränderte schließlich

auch der Raum die Musik.

 

 Ligetis komplexe Stimmverwebungen in Lontano (1967) traten dabei natürlich in schärfste Opposition

zu Beethovens bis ins Detail gemachter Musik, das Gefühl größter räumlicher und zeitlicher Ferne,

das Ligeti selbst bei seiner Komposition empfand, stand gegen die gnadenlose Präsenz

architektonischer Durchdringung bei Beethoven.

 

 Nonos immer wieder innehaltendes, in Mikrointervallen meditierendes Spätwerk A Carlo Scarpa,

architetto, a suoi infiniti possibili (1984) lieferte fast schon so etwas wie die Utopie des Ausgleichs.

 

 Das Orchester fraß Zagrosek dabei regelrecht aus der Hand, und auch der Städtische Konzertchor

Duisburg, der Kammerchor Kettwig und das Kettwiger Bach-Ensemble hatten gegen die Beethoven-

Tempi nichts einzuwenden. Das Solistenquartett mit Eva Lind, Claudia Mahnke, Christian Elsner und

Robert Holzer sang bis auf die Intonationstrübungen der Sopranistin untadelig - ein bemerkenswerter

Auftakt zum IBA-Finale.

 

 Hajo Berns